HHM e-kontakt 5 / Juni 2018

Neu gestalten statt verwalten

 

Neu gestalten statt verwalten

Die Branche hat ein Problem: gut gefüllte Auftragsbücher und die Fokussierung auf bisherige Erfolgsmuster blenden wichtige Entwicklungen aus. Einige Zukunfts-Szenarien mögen tatsächlich unscharf sein. Andere aber machen deutlich, wie wichtig eine gemeinsame Vision des Neuen wäre. Denn die Wertschöpfung und das Qualitätsdenken innerhalb unse-rer Branche dürfen uns nicht egal sein.

 

Wir kommen nicht am Thema Digitalisierung vorbei. Was folgt, ist aber keine technische Betrachtung, sondern eine übergeordnete Gedankenreise. Die viel zitierte Studie «Digitalisierung der Bauwirtschaft» von Roland Berger hat gezeigt, dass bei den Entscheidungsträgern gesamthaft noch nicht erkannt ist, dass alle Hebel der Digitalisierung entlang der gesamten Wertschöpfungskette bedeutsam sind. Und der bekannte Unternehmensberater Horváth & Partners schreibt Ende 2017 in einer Mitteilung: «Meist werden BIM, die Digitalisierung der administrativen Prozesse wie auch der Einsatz neuer Technologien forciert, während notwendige Partnerschaften, Optimierung der wertschöpfenden Prozesse oder auch strategische Venture Capital Investments noch kaum in Betracht gezogen werden. Doch ist es gerade der ganzheitliche Blick, der gebraucht wird, um sich im dynamischen Umfeld der Bauindustrie neu auszurichten.»

 

Das muss der Ansatz sein, weil gemäss Bundesamt für Statistik der Anteil der Wertschöpfung am Produktionswert im Baugewerbe in der Schweiz seit den 90er-Jahren gesunken ist, und zwar recht deutlich. Mit der Digitalisierung soll die Trendwende kommen. Es reicht nicht, sich nur über Methoden und Technologien Gedanken zu machen. Die wertschöpfenden Prozesse werden zum entscheidenden Faktor im Wettbewerb, schliesslich ist der digitale Wandel auch zu finanzieren, so die Spezialisten von Horváth & Partners.

 

Neue Möglichkeiten, neue Spielregeln

Ein ausschliesslich technischer oder administrativer Blick auf das Thema Digitalisierung verkennt die Tragweite gänzlich. Die blosse Digitalisierung von Bestehendem verbaut die Aussicht auf das Bessere. Wir können in der Bauwirtschaft die Wertschöpfung nicht nachhaltig verbessern, wenn nicht gleichzeitig Prozesse innerhalb der Wertschöpfungskette umfassend hinterfragt werden.

 

Manche mögen einwenden, dass die Branche doch immer noch gut von ihrem Geschäft lebt. Die Betonung liegt auf noch. In Anbetracht der neuen Möglichkeiten und der täglichen Herausforderungen, denen unsere motivierten und hoch qualifizierten Mitarbeitenden gegenüberstehen, ist es doch verwunderlich, dass man sich der neuen Hilfsmittel so zaghaft bedient. Es kann nicht sein, dass Ingenieure wegen Kommunikationsbrüchen regelmässig Informationen nachrennen müssen, statt dass die Informationen für sie arbeiten. Und es mutet ebenso absurd an, wenn man komplizierte Systeme, die längst komplex sind, mit alten Methoden in den Griff bekommen will.

 

Der Status quo ist keine Option. Andere Branchen mussten sich angesichts neuer Spielregeln auf dem Markt komplett neu entwickeln. Wir sollten uns mit einer «multiplen Zukunft» auseinandersetzen, wenn wir die künftigen Spielregeln selber formulieren wollen. Ansonsten laufen wir Gefahr, dass diese dereinst diktiert werden. Ich will mit Blick auf verbesserte Wertschöpfungsprozesse, höhere Datentransparenz und nachhaltiges Wirtschaften eine neue Planerzukunft entwerfen. Diesen Weg geht die Branche idealerweise gemeinsam.

 

Neue Anforderungen antizipieren und aufnehmen

Die Arbeit am eigenen unternehmerischen Eco-System ist eine Herkulesaufgabe, wenn man Bestehendes neu gestalten will. Die Digitalisierung ist deshalb auch kein Ziel, sondern ein Weg. Und diesen Weg muss man zuerst mit den eigenen Mitarbeitenden gehen. Mit Blick auf volle Auftragsbücher und herausfordernde Bauaufgaben ist dieser Prozess noch anspruchsvoller, weil der «Sense of Urgency» kaum ausgeprägt ist. Wir sind «Getriebene» und müssen ein Stück Freiheit zurückerobern, um den Kopf für Neues frei zu machen.

 

Die Zukunft fordert jeden Einzelnen, das stellt kaum jemand infrage. «Die Digitalisierung – und das unterscheidet sie von früheren industriellen Revolutionen – erobert im ersten Schritt kein neues Terrain, sondern sie macht Bestehendes effektiver. In einem zweiten Schritt jedoch zerstört sie vorgefundene Strukturen und ersetzt sie durch Neues – im Guten wie im Schlechten» (Broy & Precht, 2017). Entscheidend im Change ist es, dass der Angst der Menschen Handlungsoptionen entgegengestellt werden. Dazu gehört die systematische Entwicklung von Kompetenzen, das Befähigen der Mitarbeitenden für das, was kommt. Wir brauchen Mitarbeitende, die den Status quo hinterfragen.
 

Die Alternative testen

Wie sieht sie denn aus, die gute Zukunft des Planens 4.0? Ich zeichne diese mit sechs Begriffen: kollaborativ, vernetzt, digireal, iterativ und agil sowie nachhaltig. Das angestrebte Ziel in Bezug auf das Endergebnis ist klar: Der Bau- und Planungsprozess soll schneller, qualitativ besser, durchdachter und nachhaltiger sein. Unsere Ingenieure und Planer sollen in der Arbeit ihren Mehrwert zugunsten des besseren Resultats für ihre Auftraggeber ausspielen können. Was es dafür braucht? Wir brauchen Zeit und Standards. Noch wichtiger sind aber gemeinsame Ziele der Beteiligten im Bau- und Planungsprozess, die vernetzt – und nicht isoliert – interdisziplinär Aufgaben umsetzen. BIM ist das Trainings-Terrain für eine neue Planungswelt.

 

Wer weitergehen und auch radikal neu denken und eigene Hypothesen überprüfen will, der kommt aktuell nicht daran vorbei, sich ein eigenes Eco-System der Zukunft aufzubauen, um neue Vorgehen auch ausserhalb bestehender Strukturen zu testen. Genau dafür schaffen wir Platz in der HHM Gruppe, um mit interessierten Auftraggebern und Partnern neue Planungsansätze zu konkretisieren, zu probieren und daraus zu lernen. Dazu bauen wir gezielt Kompetenzen auf.

 

Auf die wesentlichen Ziele heruntergebrochen bedeutet Planen 4.0 Folgendes: Wir entwickeln uns vom Ich zum Wir. Als Gebäudetechnik-Designer schaffen wir bessere Entscheidungsgrundlagen. Der digitale Zwilling schlägt die Brücke zum Digirealen. Digitale Workflows reduzieren Komplexität und machen Automatisierungen möglich. Das nachhaltige Bauwerk ist besser, billiger und bietet mehr.

 

Die Zitrone ist ausgepresst

Das eine oder andere mag utopisch wirken zugegeben. Das aber nur dann, wenn man die bereits bestehenden Möglichkeiten verkennt und ausschliesslich am Vergangenen festhält. Clayton M. Christensen, der «Vater» der disruptiven Innovation als Typus meint: «Wenn richtiges und gutes Management erfolgreiche Unternehmen bei disruptiven Veränderungen zum Scheitern bringt, dann verstärken die klassischen Reaktionsmuster – stringente Investitionsplanung, härteres Arbeiten, höhere Kundenorientierung – das Problem, anstatt es zu lösen.» Alte Reaktionsmuster haben ausgedient; die Zitrone ist ausgepresst. Die Alternative ist das Neue, möglich geworden durch neue technische Errungenschaften. Das braucht Zeit und Menschen, die das Bessere suchen und wollen.

 

Autor: Urs von Arx, CEO HHM Gruppe